Ihre Werte sind doch gut, sagt der Arzt, und du sitzt da mit deinen Schmerzen
- tanja-parzinger
- vor 4 Tagen
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Du sitzt beim Arzt und wartest darauf, dass jetzt gleich der Moment kommt, in dem endlich mal jemand versteht, wie es dir wirklich geht.
Du hast dich extra hingeschleppt, obwohl der Tag mies war, du hast dir vorgenommen, diesmal alles anzusprechen, und dann schaut der Arzt auf den Bildschirm, guckt sich deine Blutwerte an und sagt diesen einen Satz, der dir jedes Mal den Boden unter den Füßen wegzieht.
Ihre Entzündungswerte sind doch gut. Ihre Werte sind unauffällig. Also im Grunde ist ja alles in Ordnung.
Und du sitzt da mit deinen steifen Händen, mit dieser Erschöpfung, die dich seit Wochen von innen auffrisst, mit Schmerzen, die real sind, und fühlst dich in dem Moment, als würdest du dir das alles nur einbilden.
Das ist eine der gemeinsten Erfahrungen überhaupt, wenn du mit Rheuma lebst.
Nicht der Schmerz selber, sondern dieser Moment, in dem dein ganzes Erleben gegen eine Zahl auf einem Bildschirm verliert.
Du kommst mit deiner gelebten Wirklichkeit, mit einem Körper, der dir jeden Tag zeigt, dass etwas nicht stimmt, und dann wird das alles überstimmt von einem Laborwert, der angeblich sagt, dass es dir gut geht.
Das Schlimme ist, was danach in deinem Kopf passiert.
Denn du fängst an, an dir selber zu zweifeln.
Wenn die Werte doch gut sind, denkst du dir, dann stell ich mich vielleicht wirklich nur an. Dann bin ich vielleicht einfach zu empfindlich, zu wehleidig, zu schwach.
Dann ist das mit den Schmerzen und der Müdigkeit vielleicht doch mehr Kopfsache, als ich dachte.
Und genau da, in diesem Selbstzweifel, richtet so ein Satz den größten Schaden an.
Er bringt dich dazu, deinem eigenen Körper nicht mehr zu glauben, und das ist so ziemlich das Verlorenste, was einer Frau mit Rheuma passieren kann, dass sie ihrem eigenen Spüren misstraut, weil ein anderer ihr gesagt hat, es könne ja gar nicht so schlimm sein.
Also lass mich dir jetzt mal was ganz Deutliches sagen, und das ist wichtig, damit du dich nicht länger selber in Frage stellst.
Deine Werte und dein Befinden sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Ein Laborwert misst einen kleinen Ausschnitt von dem, was in deinem Körper passiert, aber er misst nicht deine Morgensteifigkeit, er misst nicht deine Fatigue, er misst nicht die Schmerzen, die dich abends nicht schlafen lassen, und er misst schon gar nicht, wie sich dein ganz normaler Tag anfühlt.
Gute Werte bedeuten nicht, dass du keine Schmerzen hast.
Sie bedeuten nur, dass dieser eine Wert an diesem einen Tag unauffällig war.
Dein Leiden ist deshalb nicht weniger echt.
Es taucht nur in diesem einen Test nicht auf.
Du bildest dir das also nicht ein.
Und du stellst dich auch nicht an.
Dass dein Erleben und die Zahlen auseinandergehen, ist bei Rheuma überhaupt nichts Ungewöhnliches, das kennen ganz viele Frauen, und trotzdem sitzt jede von ihnen allein in diesem Sprechzimmer und lässt sich einreden, dass mit ihr was nicht stimmt.
Dass dein Befinden im Termin unter den Tisch fällt, liegt nicht daran, dass es unwichtig wäre, sondern daran, dass in diesem System oft nur zählt, was sich messen lässt, und alles andere, dein ganzes echtes Leben mit dieser Krankheit, keinen Platz auf dem Bildschirm hat.
Und ich will überhaupt nicht, dass du jetzt denkst, ich sei gegen die Werte oder gegen die Ärzte.
Die Werte haben ihre Berechtigung, die gehören dazu, die sind ein Teil des Bildes.
Aber eben nur ein Teil.
Das andere Teil bist du, deine Erfahrung, dein Alltag, das, was nur du über deinen Körper weißt, weil du in ihm lebst und nicht der Arzt.
Und dieser Teil gehört genauso auf den Tisch.
Du bist die Expertin dafür, wie sich dein Tag anfühlt, und niemand kann dir diese Expertise wegnehmen, auch keine Zahl.
Das Praktische daran ist, dass du diesen Teil auch benennen kannst, wenn du dich traust. Nicht indem du gegen die Werte argumentierst, sondern indem du das dazustellst, was die Werte nicht zeigen.
Du kannst sagen, meine Werte mögen gut sein, aber ich kann morgens eine halbe Stunde die Hände nicht bewegen.
Ich schaffe meinen Halbtagsjob nur noch mit Mühe.
Das sind Dinge, die kein Bluttest erfasst, und die trotzdem dein Leben bestimmen.
Wenn du das in Worte fasst, gibst du dem Gegenüber die Chance, dich als ganzen Menschen zu sehen und nicht nur als eine Zeile mit Zahlen.
Und wenn dein Arzt das dann immer noch wegwischt, dann sagt das etwas über den Arzt aus und nichts über dich.
Stell dir vor, wie es wäre, wenn dein Befinden zählen würde.
Wenn du sagst, mir geht es schlecht, obwohl die Werte gut aussehen, und der Arzt schaut nicht auf den Bildschirm, sondern dich an, und nimmt sich das auf, macht sich eine Notiz, fragt nach.
Wenn deine gelebte Wirklichkeit genauso ernst genommen wird wie das Laborergebnis.
Das ist keine Träumerei, das gibt es, und du hast ein Recht darauf, so behandelt zu werden.
Du musst dir nicht erst durch schlechte Werte beweisen lassen, dass du leidest.
Dein Wort reicht.
Denn im Grunde geht es genau darum, dass du deinem eigenen Körper wieder glaubst, auch wenn ein anderer dir das Gegenteil sagt.
Dass du aufhörst, dein Erleben klein zu machen, nur weil es sich nicht in einer Zahl abbilden lässt, und wieder anfängst, deinem Spüren zu vertrauen.
Das ist der Anfang von allem, weil du erst dann klar für dich einstehen kannst, wenn du selber wieder überzeugt bist, dass dein Leiden echt ist.
Wenn du merkst, dass dir dieses Vertrauen in dich abhandengekommen ist, weil dir zu oft eingeredet wurde, es sei ja gar nicht so schlimm, dann ist genau das etwas, woran wir in meiner Begleitung gemeinsam arbeiten.
Damit nicht länger eine Zahl auf einem Bildschirm das letzte Wort über dein Leben hat, sondern du.

Tanja Parzinger
Gründerin der SANFT-Rheumabegleitung
Hallo, ich bin Tanja und ich lebe selbst mit Rheuma und begleite Frauen dabei vom Funktionieren ins Handeln zu kommen. Auf diesem Blog schreibe ich ehrlich über den Alltag mit Rheuma, ohne Beschönigung und ohne leere Versprechen.




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